100. Geburtstag – Ernst von Glasersfeld

 

Konstruktivismus
Konstruktivismus
Zum 100. Geburtstag des Philosophen Ernst von Glasersfeld (EvG) möchte ich heute einige anerkennende und einige kritische Worte zu seinem bekannten Konzept des Radikalen Konstruktivismus formulieren. Der Radikale Konstruktivismus ist eine erkenntnistheoretische Position mit einigen sehr plausiblen Gedanken und einigen offensichtlichen Schwachstellen. 1991 hielt EvG einen Vortrag und nannte darin vier Grundlagen des Radikalen Konstruktivismus: Sprache (er wuchs viersprachig auf und befasste sich mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein), Skeptizismus, Evolutionstheorie (insbesondere Jean Piagets genetische Epistemologie) und Kybernetik (er arbeitete vor allem mit Heinz von Foerster zusammen). Die Grundlage ist relativ einfach erklärbar, doch nicht leicht verständlich: Ein Lebewesen kann nur dann überleben, wenn es erfolgreich mit der Umgebung interagiert. Dazu muss es sich einerseits der Umgebung anpassen können, andererseits ist es auch erforderlich gewisse Grundannahmen zu haben um überhaupt mit der Umwelt interagieren zu können. […]

Beispiele findet man vor allem bei Kindern: Diese lernen Objekte zu gebrauchen, in dem sie mit diesen interagieren. Wir nehmen an, dass ein Kind gerade einige Obstsorten kennen lernte und dabei erfuhr wie sie sich anfühlen, wie sie schmecken und wie man mit diesen interagiert (sie isst); darüber hinaus nehmen wir an, dass es bisher keine Erfahrung mit Plastik-Äpfel hat. Dann setzen wir das Kind in den Raum mit einem echten Apfel und einem Plastikapfel, der genauso groß ist, genauso aussieht und auch in etwa das Gewicht hat. Der Unterschied liegt lediglich darin, dass er nicht wie ein Apfel riecht, sich anders anfühlt und natürlich nicht essbar ist. Das Kind wird den echten Apfel nehmen und – sofern es Hunger hat und ihm Äpfel schmecken – essen. Dasselbe versucht das Kind auch beim Plastik-Apfel. Für das Kind ist das ein echter Apfel, da es noch keine Vorstellung von Plastik-Äpfeln hat. Es nimmt die Größe, Farbe und das Gewicht wahr und passt den Plastik-Apfel seinen Vorstellungen an. Der fehlende Geruch und die andere Haptik ist vorerst nicht relevant. Dann versucht das Kind den Apfel zu essen und scheitert. An diesem Punkt wird das Schema „Apfel“ erstmals hinterfragt und anschließend korrigiert. Nun gibt es zwei Sorten von Äpfel: Echte, die essbar sind, gut riechen und weich sind, sowie Plastik-Äpfel, die hart sind, nicht riechen und nicht essbar sind. Diesen Prozess des Anpassens der Umwelt an das eigene Schema (Assimilation) und das Anpassen des Schemas an die Umwelt (Akkommodation, also wenn beispielsweise die Interaktion – Essen – nicht zum erwarteten Ergebnis führt) nennt Piaget „Äqulibration“ – Gleichgewicht.

Die Sprache prägt das Denken – ein Satz, der von Sapir und Whorf formuliert wurde und von Glasersfeld aufgegriffen wurde. Kombiniert mit Wittgensteins Aussage, dass man nur dann wisse ob eine Aussage wahr oder falsch ist, wenn man sie mit der Wirklichkeit vergleicht und der philosophischen Tradition des Skeptizismus, ergibt Glasersfelds Gedanke: Eine Aussage kann man nicht mit der Wirklichkeit vergleichen, weil man dazu über die Wirklichkeit zunächst irgendwie verarbeiten muss und dies kann nur auf einer sprachlichen Ebene passieren. Sobald etwas eine Beschreibung erhält, ist es sprachlich. Etwas einfacher: Um eine Wahrnehmung zu überprüfen ob sie richtig ist, müsste sie mit dem Nicht-Wahrgenommenen verglichen werden können. Doch wie soll das funktionieren ohne das Nicht-Wahrgenommene wahrzunehmen? Betrachten wir einen Stuhl. Ist er auch da, wenn wir weg sind? Wie können wir das überprüfen? Wir können den Stuhl nur wahrnehmen, wenn wir ihn betrachten (oder fühlen) und dann ist er ja da. Wir können ihn mit einer Kamera aufnehmen, aber sobald wir (oder eine andere Person) das Foto oder das Video betrachten, ist er ja natürlich da. „Das macht doch keinen Sinn, natürlich ist er da.“ – Ja! Aber wie wollen wir das beweisen?

Kurz gefasst: Wir konstruieren unsere Welt, passen die Objekte unseren Vorstellungen an und passen die Vorstellungen an die Umwelt an, wenn sie zu unüberwindbaren Problemen führen (hätte man nicht versucht den Apfel zu essen, wäre es wohl weiterhin ein echter Apfel, der halt nicht riecht und ungewöhnlich hart ist). Dabei nutzen wir die Sprache als grundlegendes Raster, ähnlich dem Farbspektrum. Wären unsere Farben nicht Weiß, Grau, Blau, Grün, etc., sondern ungewohnte und vor allem helle Farbmischungen, so wäre unsere Lieblingsfarbe nicht Rot, sondern vielleicht eine Mischung aus Ocker und Senffarben. Dann wäre ein dunkles Rot eine seltsame Farbe.

Am Rande des Solipsismus (alles, das ich wahrnehme, ist nur in meinem Kopf) und mit einem Selbstanwendungsproblem (wenn meine Welt von mir konstruiert ist, sind es auch die Gedanken, die ich äußere – somit auch der Radikale Konstruktivismus als Gedanke von EvG) ist der Radikale Konstruktivismus dennoch eine faszinierende Theorie, dessen Urheber zwar vor einigen Jahren verstarb, die Theorie jedoch unverändert sehr lebendig ist.

Quellen:

  • Von Glasersfeld, E. (1991). Fiktion und Realität aus der Perspektive des Radikalen Konstruktivismus. In: Roetzer, F. (Hrsg.) & Weibel, P. (Hrsg.). Strategien des Scheins (Seiten 161-175). München: Klaus Boer.
  • Von Glasersfeld, E. (1997). Radikaler Konstruktivismus: Ideen, Ergebnisse, Probleme. Berlin: Suhrkamp Verlag.
  • Von Glasersfeld, E. (2008). Radikaler Konstruktivismus oder die Konstruktion des Wissens. In: Watzlawick, P. (Hrsg.) & Nardone, G. (Hrsg). Kurzzeittherapie und Wirklichkeit (4. Auflage) (Seiten 43-58). München & Zürich: Piper Verlag.
  • Von Glasersfeld, E. (2009). Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität. In: Gumin, H. (Hrsg.) & Meier, H. (Hrsg.). Einführung in den Konstruktivismus. Beiträge von Heinz von Foerster, Ernst von Glasersfeld, Peter M. Hejl, Siegfried J. Schmidt und Paul Watzlawick (11. Auflage) (Seiten 9-40). München: Piper Verlag GmbH.

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