﻿{"id":717,"date":"2017-03-08T20:45:30","date_gmt":"2017-03-08T19:45:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.raile.at\/raile\/?p=717"},"modified":"2022-08-19T18:36:12","modified_gmt":"2022-08-19T16:36:12","slug":"100-geburtstag-ernst-von-glasersfeld","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.raile.at\/raile\/100-geburtstag-ernst-von-glasersfeld\/","title":{"rendered":"<font color=\"#000000\">100. Geburtstag &#8211; Ernst von Glasersfeld<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.raile.at\/raile\/100-geburtstag-ernst-von-glasersfeld\/\" title=\"100 Jahre Ernst von Glasersfeld\"><figure id=\"attachment_480\" class=\"thumbnail wp-caption alignright\" style=\"width: 246px\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-480\" src=\"http:\/\/www.raile.at\/raile\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/471px-Ernst_Mach_Innenperspektive-236x300.png\" alt=\"Konstruktivismus\" width=\"236\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.raile.at\/raile\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/471px-Ernst_Mach_Innenperspektive-236x300.png 236w, http:\/\/www.raile.at\/raile\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/471px-Ernst_Mach_Innenperspektive.png 471w\" sizes=\"(max-width: 236px) 100vw, 236px\" \/><figcaption class=\"caption wp-caption-text\">Konstruktivismus<\/figcaption><\/figure><\/a>Zum 100. Geburtstag des Philosophen Ernst von Glasersfeld (EvG) m\u00f6chte ich heute einige anerkennende und einige kritische Worte zu seinem bekannten Konzept des <em>Radikalen Konstruktivismus<\/em> formulieren. Der Radikale Konstruktivismus ist eine erkenntnistheoretische Position mit einigen sehr plausiblen Gedanken und einigen offensichtlichen Schwachstellen.\u00a01991 hielt EvG einen Vortrag und nannte darin <b>vier Grundlagen des Radikalen Konstruktivismus: Sprache<\/b> (er wuchs viersprachig auf und befasste sich mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein), <b>Skeptizismus<\/b>, <b>Evolutionstheorie<\/b> (insbesondere Jean Piagets genetische Epistemologie) und <b>Kybernetik<\/b> (er arbeitete vor allem mit Heinz von Foerster zusammen). Die Grundlage ist relativ einfach erkl\u00e4rbar, doch nicht leicht verst\u00e4ndlich: Ein Lebewesen kann nur dann \u00fcberleben, wenn es erfolgreich mit der Umgebung interagiert. Dazu muss es sich einerseits der Umgebung anpassen k\u00f6nnen, andererseits ist es auch erforderlich gewisse Grundannahmen zu haben um \u00fcberhaupt mit der Umwelt interagieren zu k\u00f6nnen. [&#8230;] <!--more--><\/p>\n<p><strong>Beispiele<\/strong> findet man vor allem bei Kindern: Diese lernen Objekte zu gebrauchen, in dem sie mit diesen interagieren. Wir nehmen an, dass ein Kind gerade einige Obstsorten kennen lernte und dabei erfuhr wie sie sich anf\u00fchlen, wie sie schmecken und wie man mit diesen interagiert (sie isst); dar\u00fcber hinaus nehmen wir an, dass es bisher keine Erfahrung mit Plastik-\u00c4pfel hat. Dann setzen wir das Kind in den Raum mit einem echten Apfel und einem Plastikapfel, der genauso gro\u00df ist, genauso aussieht und auch in etwa das Gewicht hat. Der Unterschied liegt lediglich darin, dass er nicht wie ein Apfel riecht, sich anders anf\u00fchlt und nat\u00fcrlich nicht essbar ist. Das Kind wird den echten Apfel nehmen und &#8211; sofern es Hunger hat und ihm \u00c4pfel schmecken &#8211; essen. Dasselbe versucht das Kind auch beim Plastik-Apfel. F\u00fcr das Kind ist das ein echter Apfel, da es noch keine Vorstellung von Plastik-\u00c4pfeln hat. Es nimmt die Gr\u00f6\u00dfe, Farbe und das Gewicht wahr und passt den Plastik-Apfel seinen Vorstellungen an. Der fehlende Geruch und die andere Haptik ist vorerst nicht relevant. Dann versucht das Kind den Apfel zu essen und scheitert. An diesem Punkt wird das Schema &#8222;Apfel&#8220; erstmals hinterfragt und anschlie\u00dfend korrigiert. Nun gibt es zwei Sorten von \u00c4pfel: Echte, die essbar sind, gut riechen und weich sind, sowie Plastik-\u00c4pfel, die hart sind, nicht riechen und nicht essbar sind.\u00a0Diesen Prozess des Anpassens der Umwelt an das eigene Schema (<strong>Assimilation<\/strong>) und das Anpassen des Schemas an die Umwelt (<strong>Akkommodation<\/strong>, also wenn beispielsweise die Interaktion &#8211; Essen &#8211; nicht zum erwarteten Ergebnis f\u00fchrt) nennt Piaget &#8222;<strong>\u00c4qulibration<\/strong>&#8220; &#8211; Gleichgewicht.<\/p>\n<p><strong>Die Sprache pr\u00e4gt das Denken<\/strong> &#8211; ein Satz, der von Sapir und Whorf formuliert wurde und von Glasersfeld aufgegriffen wurde. Kombiniert mit Wittgensteins Aussage, dass man nur dann wisse ob eine Aussage wahr oder falsch ist, wenn man sie mit der Wirklichkeit vergleicht und der philosophischen Tradition des Skeptizismus, ergibt Glasersfelds Gedanke: Eine Aussage kann man nicht mit der Wirklichkeit vergleichen, weil man dazu \u00fcber die Wirklichkeit zun\u00e4chst irgendwie verarbeiten muss und dies kann nur auf einer sprachlichen Ebene passieren. Sobald etwas eine Beschreibung erh\u00e4lt, ist es sprachlich. Etwas einfacher: Um eine Wahrnehmung zu \u00fcberpr\u00fcfen ob sie richtig ist, m\u00fcsste sie mit dem Nicht-Wahrgenommenen verglichen werden k\u00f6nnen. Doch wie soll das funktionieren ohne das Nicht-Wahrgenommene wahrzunehmen? Betrachten wir einen Stuhl. Ist er auch da, wenn wir weg sind? Wie k\u00f6nnen wir das \u00fcberpr\u00fcfen? Wir k\u00f6nnen den Stuhl nur wahrnehmen, wenn wir ihn betrachten (oder f\u00fchlen) und dann ist er ja da. Wir k\u00f6nnen ihn mit einer Kamera aufnehmen, aber sobald wir (oder eine andere Person) das Foto oder das Video betrachten, ist er ja nat\u00fcrlich da. <em>&#8222;Das macht doch keinen Sinn, nat\u00fcrlich ist er da.&#8220; &#8211; Ja! Aber wie wollen wir das beweisen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Kurz gefasst:<\/strong> Wir konstruieren unsere Welt, passen die Objekte unseren Vorstellungen an und passen die Vorstellungen an die Umwelt an, wenn sie zu un\u00fcberwindbaren Problemen f\u00fchren (h\u00e4tte man nicht versucht den Apfel zu essen, w\u00e4re es wohl weiterhin ein echter Apfel, der halt nicht riecht und ungew\u00f6hnlich hart ist). Dabei nutzen wir die Sprache als grundlegendes Raster, \u00e4hnlich dem Farbspektrum. W\u00e4ren unsere Farben nicht Wei\u00df, Grau, Blau, Gr\u00fcn, etc., sondern ungewohnte und vor allem helle Farbmischungen, so w\u00e4re unsere Lieblingsfarbe nicht Rot, sondern vielleicht eine Mischung aus Ocker und Senffarben.\u00a0Dann w\u00e4re ein dunkles Rot eine seltsame Farbe.<\/p>\n<p>Am Rande des Solipsismus (alles, das ich wahrnehme, ist nur in meinem Kopf) und mit einem Selbstanwendungsproblem (wenn meine Welt von mir konstruiert ist, sind es auch die Gedanken, die ich \u00e4u\u00dfere &#8211; somit auch der Radikale Konstruktivismus als Gedanke von EvG) ist der Radikale Konstruktivismus dennoch eine faszinierende Theorie, dessen Urheber zwar vor einigen Jahren verstarb,\u00a0die Theorie jedoch unver\u00e4ndert sehr lebendig ist.<\/p>\n<p><u>Quellen:<\/u><\/p>\n<ul>\n<li>Von Glasersfeld, E. (1991). Fiktion und Realit\u00e4t aus der Perspektive des Radikalen Konstruktivismus. In: Roetzer, F. (Hrsg.) &amp; Weibel, P. (Hrsg.). Strategien des Scheins (Seiten 161-175). M\u00fcnchen: Klaus Boer.<\/li>\n<li>Von Glasersfeld, E. (1997). Radikaler Konstruktivismus: Ideen, Ergebnisse, Probleme. Berlin: Suhrkamp Verlag.<\/li>\n<li>Von Glasersfeld, E. (2008). Radikaler Konstruktivismus oder die Konstruktion des Wissens. In: Watzlawick, P. (Hrsg.) &amp; Nardone, G. (Hrsg). Kurzzeittherapie und Wirklichkeit (4. Auflage) (Seiten 43-58). M\u00fcnchen &amp; Z\u00fcrich: Piper Verlag.<\/li>\n<li>Von Glasersfeld, E. (2009). Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivit\u00e4t. In: Gumin, H. (Hrsg.) &amp; Meier, H. (Hrsg.). Einf\u00fchrung in den Konstruktivismus. Beitr\u00e4ge von Heinz von Foerster, Ernst von Glasersfeld, Peter M. Hejl, Siegfried J. Schmidt und Paul Watzlawick (11. Auflage) (Seiten 9-40). M\u00fcnchen: Piper Verlag GmbH.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2>Ernst von Glasersfeld w\u00e4re heute 100 Jahre alt geworden<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n[caption id=\"attachment_480\" align=\"alignright\" width=\"236\"]<img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-480\" src=\"http:\/\/www.raile.at\/raile\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/471px-Ernst_Mach_Innenperspektive-236x300.png\" alt=\"Konstruktivismus\" width=\"236\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.raile.at\/raile\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/471px-Ernst_Mach_Innenperspektive-236x300.png 236w, http:\/\/www.raile.at\/raile\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/471px-Ernst_Mach_Innenperspektive.png 471w\" sizes=\"(max-width: 236px) 100vw, 236px\" \/> Konstruktivismus[\/caption]\n<p>Zum 100. Geburtstag des Philosophen Ernst von Glasersfeld (EvG) m\u00f6chte ich heute einige anerkennende und einige kritische Worte zu seinem bekannten Konzept des <em>Radikalen Konstruktivismus<\/em> formulieren. Der Radikale Konstruktivismus ist eine erkenntnistheoretische Position mit einigen sehr plausiblen Gedanken und einigen offensichtlichen Schwachstellen.\u00a01991 hielt EvG einen Vortrag und nannte darin <b>vier Grundlagen des Radikalen Konstruktivismus: Sprache<\/b> (er wuchs viersprachig auf und befasste sich mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein), <b>Skeptizismus<\/b>, <b>Evolutionstheorie<\/b> (insbesondere Jean Piagets genetische Epistemologie) und <b>Kybernetik<\/b> (er arbeitete vor allem mit Heinz von Foerster zusammen). Die Grundlage ist relativ einfach erkl\u00e4rbar, doch nicht leicht verst\u00e4ndlich: Ein Lebewesen kann nur dann \u00fcberleben, wenn es erfolgreich mit der Umgebung interagiert. 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